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Kältetraining – Ein Selbstversuch

Montagvormittag, 11.30 Uhr. Ich schaue aus dem Fenster. Über dem Pilatus ziehen immer mehr bedrohlich dunkle Wolken auf. Die Stimmung draussen wie in mir drinnen verdüstert sich von Minute zu Minute. «Was habe ich mir nur eingebrockt mit diesem Selbstversuch?», frage ich mich. Ausgerechnet bei diesem Hudelwetter findet unser Kältetrainingsworkshop statt. Ich trinke einen grossen Schluck Kaffee und versuche mich auf meine Zugverbindung nach Hünenberg zu fokussieren, denn es hilft alles nichts: Aus dieser Nummer komme ich nicht mehr raus.

Zwei Stunden später. Im Bahnhof Cham merke ich, dass ich kein Badetuch eingepackt habe; das fängt ja gut an. Immerhin holt mich Karin Blöchlinger, meine Kollegin von der BGB-Geschäftsstelle, mit dem Auto am Bahnhof ab. Sie wird mit mir ins kalte Wasser hüpfen und ist sofort bereit, ihr zum Glück grosses Badetuch mit mir zu teilen. Sehr lieb von ihr. Immerhin sind wir zu zweit, geteiltes Leid ist halbes Leid.

Ankunft in der Badi Hünenberg. Der Regen hat aufgehört, der Himmel hellt auf, desgleichen meine Stimmung. Claudia Müller, unsere Trainingsleiterin, strahlt uns auf dem Parkplatz in ihrer pinken Daunenjacke und einer wuscheligen Zipfelmütze entgegen. Sie ist Immunsignatur-Coach und Therapeutin in klinischer Psycho-Neuro-Immunologie und wird uns eine Einführung ins Kältetraining geben. Langsam mischt sich unter meine Nervosität auch Vorfreude. Karin und ich sind ganz kribblig.

Nachdem wir uns kurz in der Badi Hünenberg – im Winterhalbjahr ist diese öffentlich zugänglich – umgesehen haben, gibt Claudia Hintergrundinfos zum Kältetraining. So geht es in erster Linie darum, dem Körper einen sogenannten hormetischen Reiz zu geben. Der moderne Mensch ist evolutionär bedingt nicht mehr sehr vielen Reizen ausgesetzt. Wir leben in beheizten Häusern, haben immer etwas zu Essen und müssen nicht mehr vor Säbelzahntigern flüchten. Geringe Dosen von Stressoren stärken jedoch die Widerstandskräfte des Körpers. Dieses Phänomen ist in der Wissenschaft unter dem Begriff Hormesis bekannt. Anders gesagt: Was uns nicht umbringt, macht uns stärker. Weshalb? Der menschliche Organismus ist ein Meister darin, sich äusseren Gegebenheiten anzupassen, um im Ernstfall das Überleben zu sichern. Erhält er keine Reize, hat er auch keinen Grund, seine Funktionen anzupassen. Genau darum geht es im Kältetraining. Ein Bad in kaltem Wasser, wie wir es noch vor uns haben, empfiehlt Claudia nur zwei- bis dreimal pro Woche. Sonst gewöhnt sich der Körper daran und die Wirkung ist nicht mehr dieselbe. Hier gilt: weniger ist mehr.

Unsere Kursleiterin hat sehr gute Erfahrungen mit dem Kältetraining gemacht. So hatte sie sich vom vielen Rock’n’Roll-Tanzen Probleme mit der Achillessehne zugezogen und konnte diese mithilfe des Kaltbadens auflösen. Kältetraining hat also nicht nur einen positiven Effekt auf das Immunsystem und den Stoffwechsel, sondern kann auch bei Entzündungen und Schmerzen eine heilende Wirkung hervorrufen.

Aber nun geht’s los. Der zwölf Grad kalte Zugersee wartet. Karin und ich sind ungeduldig und wollen es jetzt wissen. «Legen wir los?», fragen wir unsereprofessionelle Begleitung. Claudia ist bereit. Fünf Minuten später sind wir auf der Badiwiese und machen konzentriert Atemübungen. 30-mal stark ausatmen, hyperventilieren, dann den Atem so lange wie möglich zurückhalten. Obwohl ich versuche, fokussiert zu bleiben, steigt in mir drin die Nervosität. Dann 20-mal schnell und stark ausatmen – halten. Dann zehnmal und halten. Nun nehmen wir, mit Zipfelmützen, Daunenjacken, Winterschuhen und Bikini ausgestattet, den Weg zum See unter die Füsse. Wir sollen einfach gemütlich weiteratmen, rät Claudia. Noch schnell einen «Krieger 2» aus dem Yoga auf dem Steg machen und los gehts.

«Kalt, bibber, schlotter, hilfe, ach du grüne Neue, das überlebe ich nicht», wirbelt es in meinem Kopf. «Claudia, oh mein Gott!», rufe ich unkontrolliert aus. Der Kälteschock hat mich voll erwischt. Mein Gehirn schmerzt ein wenig. Claudia beruhigt mich und erinnert mich daran, die zuvor geübte Atmung weiter zu praktizieren. Dabei stösst sie das Badeentchen mit integriertem Thermometer in meine Richtung. Dies motiviert mich weiterzugehen. Bis zu den Schultern stecken wir nun in diesem kalten Wasser an diesem wolkenverhangenen, grauen Novembertag und grinsen uns an. «Irgendwie verrückt», denke ich.

Plötzlich ist es gar nicht mehr so schlimm, es stellt sich sogar eine gewisse Ruhe ein. Zusammen stehen wir schultertief im Wasser. Wir lachen und stellen fest: wie ein Kaffeeschwatz unter Mädels, einfach an einem unüblichen Ort. Ich stelle überrascht fest, dass ich an meinen Füssen – die im Winter sonst zur Sorte Eiszapfen gehören – nicht sonderlich friere. Meine Finger halte ich sicherheitshalber über dem Wasser. Claudia verzichtet ebenfalls darauf, die Hände ins Wasser zu tauchen.

Karin hingegen will es wissen und taucht ihre Finger unter. Sie teilt mit, dass sie gefühlt heisse Oberschenkel habe. Interessant. Bei mir kribbelt lustigerweise der untere Rücken etwas unangenehm. Ansonsten nichts. Ich bin noch da, atme und stehe im Wasser. «Das hat definitiv etwas», denke ich mir. Ich bin geflasht – vom Adrenalin, vom Kick oder von der unglaublich beruhigenden Wirkung, die das Kaltbaden auf mich ausübt.

Nach zwölf Minuten beschliessen wir alle, es sei für heute genug. Die Empfehlung des Kältetrainings lautet, dass man pro Grad eine Minute im Wasser bleiben kann. Wir haben unser Soll mit zwölf Minuten bei zwölf Grad Celsius erfüllt und steigen zufrieden aus dem Wasser. Claudia betont, es sei allerdings viel wichtiger, auf sich selbst zu hören. Schliesslich spiele es keine Rolle, ob man nun zwei oder zehn Minuten im Wasser bleibe. Dass man überhaupt drin gewesen sei, sei schon super und habe gute Effekte. Es gehe hier nicht um Leistung.

Als anstrengend empfinde ich eher den darauffolgenden Teil. Nachdem ich aus dem Wasser geklettert bin, versuche ich mich so schnell wie möglich trocken zu reiben. Gar nicht so einfach, denn ich spüre im Moment gar nichts mehr. Ich könnte mit geschlossenen Augen nicht sagen, ob ich den Bikini noch trage oder nicht. Alles ist taub. Egal. Nun gilt es, schnell zur Umkleidekabine zurückzukehren, die nassen Badesachen loszuwerden und sich warm und trocken anzuziehen. Mit Jumping-Jacks, Sprinten an Ort und unkoordinierten Laufrunden auf der Badiwiese versuchen wir, wieder Wärme zu bekommen. Das dauert mindestens 15 Minuten. Der warme Tee hilft. Sich selbst durch intensive Bewegung wieder anzukurbeln und Wärme zu erzeugen, sei sehr wichtig, sagt Claudia. Oft verspürten die Leute nicht das Bedürfnis, sich zu bewegen, wenn sie kalt hätten. Doch genau das sei wichtig. Es fühle sich nur so an, als sei es dadurch kälter. Deshalb hätten wir uns im Wasser nicht bewegt. Karin und ich können allerdings gut nachvollziehen, dass Bewegung für das Erzeugen von Wärme essenziell ist, und machen automatisch mit.

Die längste Reanimationszeit brauche ich für meine Füsse. Diese sind nach dem Bad doch noch zu Eiszapfen mutiert. Sie tun mir fast weh. Ich muss mich richtig zwingen, die Zehen bewusst abzurollen und durchzubewegen. Nach diesem intensiven Re-Warm-up an Land und einem kurzen Austausch über die Erfahrung, die wir immer noch nicht richtig fassen können, machen wir uns alle wieder auf den Nachhauseweg.

Bald sitze ich glücklich und zufrieden wieder im Zug, dieses Mal im Pirelli-Look, fünfschichtig, mit Handschuhen und Zipfelmütze, und verspüre keine Sekunde das Bedürfnis, den Reissverschluss meiner Jacke auch nur einen Zentimeter zu öffnen. Erst als ich mit dem Fahrrad vom Bahnhof Luzern ins Hochrüti-Quartier radle, heizt mein Körper wieder auf Normaltemperatur. Zu Hause überkommt mich ein Bärenhunger. Nach einem Teller Pasta lasse ich den Tag tiefenentspannt mit Netflix und einer grossen Portion «Chill» unter der Decke ausklingen. Eine wunderbare Erfahrung.

Bildrechte: BGB Schweiz, Berufsverband für Gesundheit und Bewegung
Autorin: Mariette Inderbitzin

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